Beschreibung
Besetzung: 2 Fl, 2 Ob, 2 Klar, 2 Fg, 4 Hn, 2 Tp; Timp; Streicher
Dauer: 36:00
Das bedeutendste Drama „Der Sohn der Wildnis“ des zu Unrecht vergessenen Dichters Friedrich Halm, des Österreichischen Kleist, bot die Anregung zur Entstehung der vorliegenden Symphonie.
Griechen hatten im Gebiet der räuberischen Tectosagen die Stadt-Kolonie Marsilia errichtet. Ein dortiger Schmied wird von den Wilden entführt, um Lösegeld zu erpressen. Da jedoch keine Mittel vorhanden sind, bietet sich seine Tochter zum Austausch an. Bei den Tectosagen gilt Mut als die höchste Tugend. Dem Häuptling Ingomar nötigt deshalb der ihre Hochachtung ab, die sich bald zur Liebe steigert. Unter Wilden aufgewachsen, hatte er nie etwas anderes erlebt und mit der Unschuld eines Raubtieres geglaubt, sein Leben sei das einzig richtige. Nun begegnet er durch sie zum ersten Male dem Menschlichen, Gesitteten und gewinnt eine Ahnung vom Wert der Kultur. Dieser ihr Einfluß bewirkt auch, daß er einen geplanten Kriegszug gegen einen Nachbarstamm unterläßt. Stammesgenossen aber wollen nicht zusehen, wie eine Griechin ihrem Häuptling den Mannesmut raubt, und entführen sie deswegen, um sie als Sklavin zu verkaufen. Ingomar aber, der sie befreien will, erschlägt ihren Rädelsführer im Kampf. Daraufhin wird er vom Stamm ausgeschlossen. So führt sie ihn in die Griechenstadt; und ihr Vater nimmt ihn als Gehilfen in die Schmiedewerkstatt. Doch ihre Mutter, die den Wilden verabscheut, macht ihm das Leben sauer. Da werden verdächtige Bewegungen unter den Tectosagen bemerkt. Der Stadtherr stellt daher an Ingomar das Ansinnen, er solle sie auskundschaften und verspricht ihm dafür ein Haus. Als sich der aber weigert, seinen Stamm zu verraten, verbannt er ihn. Da erscheinen Abgesandte der Tectosagen und wollen erforschen, ob ihr ehemaliger Häuptling in der Stadt auch gut behandelt würde; ansonsten drohen sie mit einem Überfall. Der Stadtherr entgegnet ihnen, man habe ihn als Bürger aufgenommen und ihm sogar ein Haus angeboten. Ingomar verschweigt wohlweislich den wahren Sachverhalt, beruhigt seine Stammesgenossen und bewahrt so die Stadt. Dafür begnadigt, erhält er nun tatsächlich das Haus; und durch die so möglich gewordene Eheschließung wird der Sohn der Wildnis nun endgültig zu einem zivilisierten Griechen.
Zu diesem wunderbaren Stoff verfasste der Tonsetzer selber ein Textbuch und wollte ihn zu einer Oper gestalten. Bald jedoch bemerkte er, daß ein solches Unterfangen nicht seiner Neigung entsprach, und verwendete deshalb Rezitative, Arien und Chöre als die Themen einer Symphonie.
Das ihres Kopfsatzes stellt den Häuptling vor, das Seitenthema dessen versuchte Verlockung zum Verrat.
Zweimalige Verbannung und deren versöhnlicher Ausgang verleihen dem zweiten Satz seine Stimmung.
Das Scherzo ist der angehenden bösen Schwiegermutter gewidmet; das erste Trio stellt die Einbürgerung, das zweite die Erinnerung an das Leben in den Wäldern dar.
Das Finale aber wurde angeregt durch die Wildheit der Tectosagen und deren liebevolle Besänftigung durch die Griechin mit dem einst berühmten Liede „Zwei Seelen und ein Gedanke“, das hier eine Neuvertonung erfuhr. Die Durchführung, die sich zur Symphonischen Dichtung ausweitet, steigert die Gegensätze bis zum Äußersten; dann aber trägt die Menschlichkeit den Sieg davon; und der Sohn der Wildnis wandelt sich, durch die Liebe gezähmt, zu einem gesitteten Griechen.
Dem Tonsetzer kam diese Opern-Symphonie umso mehr gelegen, als auch ihm selber ein ähnliches Schicksal bereitet gewesen ist.
Johann Karl Regber


